Glück

Ich habe den Fassboden, einen Schrabbelschuppen kurz vor Hude, bereits reichlich gefüttert und bin schon wieder am ausleeren. Beim ständigen An- und Abfahren fällt mir ein junges Mädchen auf. Alter: Unschätzbar, da ich sie nur von hinten sehe. Sie lehnt sich vornüber an einen Zaun und wirkt nicht mehr ganz Herrin ihrer Sinne und zuletzt gegessenem. Bei ihr steht ein Typ in bunter Jacke. Nach einigen Abräumaktionen steigt ein junges Mädchen nach mehreren Versuchen ein. Ihre Haare sind zerzaust, ihr Gesicht blass und ihr Make-Up verschmiert. Ich begreife die Sachlage erst, als der Typ mit der bunten Jacke hinter ihr auftaucht.


Sie: Ich will nach Ranzenbüttel.
Ich: Na klar, biste denn schon leer?
Sie: Ja.


Die Fahrt geht los. Ranzenbüttel liegt irgendwo im Moor, bzw. man muss ein mooriges Gebiet durchqueren. In einem T5 erinnert die Fahrt an eine Hüpfburg, vor allem, wenn man sich nicht halten kann. Sie schafft es dennoch zwischendurch einzunicken und beim nächsten Hügel wieder zu erwachen. Etwa auf halber Strecke sehe ich im Blickwinkel, wie sie sich die Hand vorn Mund hält.


Ich: Alles Klar?
Sie: Mhm.
Ich: Wenn Du kotzen musst, sag Bescheid!
Sie: MHM!


Ich steige ruck zuck in die Eisen. Sie bekommt die Tür auf, sich aber nicht abgeschnallt, ich helfe ihr, sie bekommt die Tür zunächst nicht auf, dann doch. Gerade verlässt sie den Bus, als es schon aus ihr heraus kommt. Ich steige aus, sie liegt im Sumpf*, ich gehe zu ihr, halte sie etwas. Ihre Tasche hat sie achtlos beiseite geworfen. Ich hole ein Tuch, damit sie sich sauberwischen kann. Nach einigen Minuten kann sie fast von alleine aufstehen. Sie kraxelt in den Wagen zurück und wirkt nun klarer, kann sich nun auch besser artikulieren, erzählt wie peinlich es ihr ist und dass ich so lieb zu ihr sei. Ich sage ihr, dass es nichts ausmachen würde, was es auch nicht tut, sie mir aber nicht zu glauben scheint.


Vor ihrem Haus ist eine spiegelglatte Eisfläche. Ich verhelfe ihr zur Tür und öffne ihr diese, da sie nicht begreift, dass sie den Schlüssel verkehrt herum eingesteckt hat. Sie will gerade ins Haus, da umarmt sie mich und gibt mir ein Küsschen auf die Wange. Zum Glück nicht auf den Mund.

* Liebevolle Bezeichnung von mir für das Moor. Natürlich kein echter Sumpf.

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Taxifahrer und Chefredakteur
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4 Antworten zu Glück

  1. Hannes. schreibt:

    Deine Erlebnisse im Taxi sind einmalig, lese die gern.

  2. stefanprass schreibt:

    Sehr zweideutig der letzte Satz und damit umso gelungener. :-)

  3. koriosesmaedchen schreibt:

    *g* Das wäre was geworden, wenn sie sich im Taxi ausgeleert hätte.^^

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